Die Botschaft der frühen Jahre entschlüsseln
Es gleicht einer seltsam anmutenden Geschichte, dass Kinder etwas zu erhalten wissen, was mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter zu verfliegen scheint: Leichtigkeit. Mit ihrem Wesen bewegen sich die Jüngsten nahezu schwerelos durch die Zeit. Ungetrübter Frohsinn. Unbeschwertheit. Sorgenfrei.
Sie werden älter. Plötzlich geschieht etwas Sonderbares. Ihr einstiger Lebensmut formt sich zu Ernsthaftigkeit um. Im mittleren Erwachsenenalter dominieren schwere Themen. Bloß nicht auffallen. Alles richtig machen, keine Zeit für phantasievolle Geschichten. Ehe sie sich versehen, hat es die Ernsthaftigkeit durch Falten in ihr Gesicht geschafft. Was ist es also, was Kinder auf ihrer Reise zum Erwachsenen verlieren? Ein Artikel über die Botschaft der frühen Jahre und darüber, wie wir auch im hohen Alter Leichtigkeit finden.
Erinnerung an die Welt der Kinder
Tobende Kinder, aufregender Park. Die Sonne lacht mir ins Gesicht und ich beobachte das wilde Treiben der Kinder, die mit ihren Eltern über die Wege spazieren. Gelegentlich ermahnen die Eltern die Kleinen. Sichtlich gestresst, hin und wieder schmunzelnd. Sich an die eigene frühe Zeit erinnernd. Dann wiederholte Ernsthaftigkeit. Die Kleinen widmen sich davon unbeeindruckt den üppigen Welten, die die Natur ihnen bietet. Sie werfen sich zu Boden, stehen munter wieder auf. Kein Stillstand. Kein Augenblick verstreicht in Langeweile. Ihre Eltern sind ruhig und doch nicht entspannt. Sie freuen sich nach getaner Arbeit und dem Spaziergang mit den Kleinen auf die allabendliche Ruhe.
Atmen. Stille. Endlich Ich sein. Dürfen. Nicht zu müssen!
Für die Zeit von einer oder zwei Stunden.
Entspannung. Jedoch zu wenig Zeit für dieses Ich.
Es gilt noch…zu tun. Dieses und jenes. Kaum Raum für ein Ich.
Kläglich.
War dies nicht einmal ganz anders?
In der Zeitlosigkeit der Unendlichkeit kam wohl abhanden, was einst ungetrübtes Glück gewesen ist. Morgendliches Erwachen glich einer gigantischen Vorfreude auf einen unbestimmten Augenblick. Alles schien von Magie durchzogen und in jedem Tag lag etwas Zauberhaftes verborgen. Phantastische Zeiten voller Geschichten und Ideen. Kaum Gedanken an Ernsthaftigkeit, dafür viele lose Pläne für eine Zeit nach dem Heute. Das Morgen wird ebenso erfüllend sein.
Erwachsene sprachen über Geld, tauschten sich über den Job aus. Bei ihnen wirkte das Leichte schwer. Was kümmerte mich als Kind der Gedanke an die Zeit, die ich mir eines Tages schöner zu gestalten weiß?
Sie sprachen über Grenzen und ich über unendliche Möglichkeiten.
Sie sprachen über das Lebensende und ich über die Ewigkeit.
Sie sprachen über Krankheit und ich über unbegrenzte Vitalität.
Sie sprachen über sich selbst despektierlich und ich respektiere die Welt.
Sie kommen Kindern seltsam vor, diese Erwachsenen und doch ist es besonders, eines Tages einer von ihnen zu sein. Denn dann darf ein Kind dürfen, was ein Kind wollen will. Die Welt bereisen. Ihr als ritterlicher Held erscheinen. Prinzessin sein und Träume leben, Tiere beschützen, der Welt begegnen, in den Dschungel ziehen. Wenn ich einmal groß bin,… .
Von der Stille der Träume
Und ich schaute! Zu den Wünschen frühkindlicher Tage gesellte sich ein ungebetener Gast. Er besucht wohl jeden kleinen Erdenbürger eines Tages, ihm den Ernst des Lebens einzuhauchen. Direkt neben dem Kind sitzend, erzählt er ihm von der Wahrheit in der Welt. Die Welt und wie sie wirklich ist, ist wohl nicht vereinbar mit jenem bunten Farbenspiel der Kinderseelen. Womöglich ist dies der Moment der Entscheidung zwischen kindlicher Träumerei und brutaler Realität…und so geht sie dahin, die unbeschwerte Sekunde.
Die Träume verstummen mit jenen Aufgaben, die ein Kind mit vielen Fragen zurücklassen.
Kein Träumen ist da mehr, keine märchenhaften Geschichten verstecken sich in den Köpfen.
Nur ein kurzes Entsetzen über den Fortgang der Leichtigkeit.
Und so wird Kindern dann das Leben sein? Ohne Schein und Glanz und ganz im Sinne des bodenständigen Charakters – ohne Flügel und Idee. Wie jeder sein und kein Ich, bunt und spielend? Sich einfügend in eine Welt ohne Spiel und mitten im Spiel um Geld. Kein Held. Keine Prinzessin. Ende. Genauso wird es bleiben. Kein Entrinnen. Brutale Realität.
Gewohnheit umschwärmt den suchenden Geist. Am Ende weiß sich kein Traum mehr zu behaupten, keine Idee. Nur Alltag ist es geworden. Nur Alltag. Auf einmal ist es still in uns. Und doch scheint uns etwas zu rufen… . Die Stimme der Sehnsucht nach dem eigenen Sinn. Für manche beginnt das Hinterfragen. Andere fürchten sich und ignorieren die sich mehrenden Laute – eben bis sich Körper, Geist und Seele melden. Mal leise, mal aus der verbliebenen Glut des einstigen Feuers heraus. Und trotzdem mag er nicht leicht gelingen, der Weg zurück zur Leichtigkeit, wo Schwere Einzug hielt. Was also ist es, was uns Leichtigkeit finden lässt?
Das Gute, das Böse und die Botschaft des Echten
Märchen leben nahezu von einer Unterscheidung zwischen guten und bösen Wesen. Eine jede Geschichte braucht Widersacher, herausfordernde Momente, einen Spannungsbogen und gleichermaßen eine Pointe. Viele märchenhafte Geschichten lehren uns den Umgang mit der Wirklichkeit – hinter einem Schleier verborgen und doch fühlbar. Eine Wirklichkeit, die kontrastreicher nicht sein könnte.
Attraktiv und unattraktiv,
wenig und viel,
kostspielig und „billig“,
traurig und fröhlich,
groß und klein,
wichtig und nichtig.
Und richtig und falsch!
Bei all der Wertung geht der Sinn verloren. Kinder wissen neuen Momenten mit wachem Geist, offenen Herzen zu begegnen. Erwachsene hingegen verstehen sich als Sammelsurium innerer Wertungen. Sämtlichem wird etwas zugeschrieben…etwas Gutes oder etwas Böses…in jedem Fall ein Wert. Unserer Umwelt, dem Umfeld, den Mitmenschen, uns selbst, dem Gewesenen, dem Aktuellen, dem Werdenden. Nichts ist frei. Was Kinder einst von sich aus taten, wissen Erwachsene zu ersticken. Verstricken sich in Idealisierung, Sicherheit, das Absolute, Oberflächlichkeiten und verkennen dadurch die Botschaft des Echten.
Das Echte begegnet uns dort, wo wir die Wertung zurücklassen. Ein Punkt, der schwer erreichbar ist, nach einem erneuten Öffnen der Augen verlangt, der Herzen. Obgleich die Wertung die Menschen täglich in Ketten legt. Die Ketten zu zerreißen, bedeutet, dass wir mutig zu uns stehen und den Kern der Dinge zu erfassen wissen.
Kinder sind und müssen nicht sein. Sie wollen und müssen nicht erreichen. Sie wissen und müssen nicht wissen. Sie fühlen und müssen nicht fühlen. Sie schweben und müssen nicht auf dem Boden und dort nicht ständig sein. Sie toben und verstehen sich als kleine und große Entdecker.
Warum nicht selbst wieder Entdecker sein? Den Wesen unvoreingenommen begegnen. Hellhörig werden, wenn das Muss den Rahmen schmälert. Einfach mal das SEIN genießen – ganz gleich, was andere Menschen darüber denken. Und wie verrückt es auch sein mag, so ist es ohne Wertung betrachtet einfach pures Leben.
Versteckte Helden im schillernden Gewand
Kleine Helden sind nicht auf den Schimmer angewiesen, um den eigenen Glanz zum Vorschein zu bringen. Ebenso brauchen sie kein Gewand, was die Wahrheit zu verbergen sucht…die geglaubte Hässlichkeit verhüllt. Es gibt schlichtweg nichts zu verbergen…keine Hässlichkeit, wo kein Hass.
Erwachsene hingegen legen sich eine Hülle zu. Eine Hülle, die so dicht ist, dass das einstige Leuchten der früheren Kinderseele nicht zum Vorschein kommt. Je stärker der Schmerz, der die Seele berührt, desto dichter das getragene Kleid. Leid. Ein Entrinnen gibt es nicht. Beschweren doch die Textilien den Seelenkern so sehr, dass niemand mehr hindurchsehen kann. Nicht einmal der versteckte Held selbst. Verdrängt. Sich verkleinernd. Das Gewicht des Umhangs aufbauend. Schönere Gewänder tragend. Immer schöner. Schillernder, die Wahrheit zu verbergen. Doch haben Schichten ihr Gewicht und dies erträgt die Seele nicht. Und so fällt eines Tages jeder Schimmer ab…und sichtbar wird, was Seele hat.
Ja, für einen Augenblick stehen Menschen dann nackt und ungeschützt im Zentrum der Beobachtung. Gelächter macht sich breit. Geschah doch das, was jeder insgeheim fürchtet und mit einem Lachen zu verdrängen sucht. Und in der Mitte dieses unbekleidete Wesen, zunächst erschrocken, eingeschüchtert, sich beschämt fühlend. Und dann hat es keine Wahl. Es wird zu sich stehen, sich aufrichten und sich hoch erhobenen Hauptes ohne den Schein einer vorgegaukelten Wirklichkeit durch die Menge bewegen. Da erstarren die Gesichter, das Lachen wird zur Scham. Hat doch ein Mensch den Mut bewiesen, zu sein, als was er kam.
Nun, alle Kinder werden von Echtheit getragen – bis das Leben und seine Regeln eben jene Echtheit herauszufordern bemüht ist. Das Ich in einer solchen Welt zu erhalten, betrachte ich als Maß aller Dinge…ohne Gewand und ohne Waffen, ohne Kampf und ohne solche Sachen. Vielleicht können wir den versteckten Helden vom schillernden Gewand befreien und einfach SEIN, einfach sein. Kindern das phantasievolle Gedeihen lassen…ohne sich eines Tages in ein schweres Gewand zu fassen.
Wer mehr über das Thema Leichtigkeit finden erfahren möchte, den lade ich zu meinem Buch „Leichtigkeit finden – Warum fällt uns das Leben so schwer?“ (2025) ein.
