Wie wir mit weniger mehr erreichen
Wer Leichtigkeit finden will, muss der Schwere begegnet sein. Und mit eben dieser Begegnung entfaltet sich der Wunsch nach einem Meer an Unbeschwertheit. Vielen Menschen ergeht es so. Heimlich suchen sie in der allabendlichen Geborgenheit ihrer Wohnung nach der Antwort auf die Frage, wie sie Leichtigkeit finden können. Am Tag von Reizen und Stress gejagt, bietet sich ihnen die Ruhe der inneren Einkehr für philosophische Sinnfragen an und doch bleiben sie ohne Antwort zurück. Warum erscheint der Alltag heute wie ein Sammelsurium an Überforderungen und wie können wir Leichtigkeit finden?
Von der Kontroverse in der heutigen Zeit
Ein mit schweren Gegenständen bestückter Raum weiß sich nur durch Phantasie die Leichtigkeit zu erhalten. Was den Wohnraumcharakter deutlich verändert, färbt auch das seelische Empfinden ein. Denn hier gilt gleichermaßen: Die Fülle an täglichem Allerlei weiß im Inneren der Menschen Schwere zu erzeugen. Trotz des Wissens vermag uns der Erhalt innerer Ausgeglichenheit nicht zu gelingen. Unzählige wandern überfordert durch ihre Zeit – einer Ruhe entgegenblickend, die sie doch nur ersehnen und niemals erreichen.
Es wollte mir nicht einleuchten. Wir, in einer Zeit des Wohlstands und des medizinischen Fortschritts lebend, scheinen von innerer Unruhe, fehlendem Esprit, einem zunehmenden Mangel an Kreativität und einer allgegenwärtigen und doch häufig verdrängten Freudlosigkeit begleitet zu sein wie kaum eine andere Generation zuvor. Gleichsam sprüht der sinnhafte Tatendrang, die unermüdliche Suche nach dem inneren Kind, dem wahrhaften Ich, der Berufung.
So nahm ich die Kontroverse zum Anlass, mich intensiv mit den Gründen für fehlende Leichtigkeit im Leben zu beschäftigen. Was ist, was uns im Kern der Unbeschwertheit beraubt? In meinem Buch „Leichtigkeit finden – Warum fällt uns das Leben so schwer?“ (2025) widme ich mich diesem Thema intensiv. Für ein kurzes Lesevergnügen möchte ich all jenen einen Artikel zum Thema bieten, die sich durch ein Weniger ein Mehr erhoffen. Ich wünsche viel Freude.
Was der Leichtigkeit den Raum nimmt und wie wir ihr Gehör verschaffen
Der Versuch, ein Leben in Leichtigkeit zu gestalten, scheitert, so wir die Gründe für die Schwere nicht zu kennen bereit sind. Insofern erfordert ein Mehr an Leichtigkeit im Leben unbedingt ein Bewusstsein für die Schwere, die Art der Herausforderung, das innere Seelenkostüm und die Vielfalt erlebter Widrigkeiten.
Zentraler Bestandteil ist somit das Erkennen der Art der Schwere und folgend das Verständnis über die einzelnen Komponenten der fehlenden Leichtigkeit. Anders gesagt: Zunächst sind wir als Beobachter des eigenen Inneren gefragt. Erst dann machen wir uns einen Begriff von den oftmals gut verpackten Herausforderungen.
Durch Annäherung und das Entpacken dieser kleinen und großen Geheimnisse treten oft weitere Themen hervor. Wohl braucht es Mut und Akribie, um sich weiter damit zu befassen. Wem dies gelingt, der weiß innere Themen zu benennen und der Schwere den Raum zur Entfaltung zu nehmen.
Im Wesentlichen ist es somit der fehlenden Beschäftigung mit uns selbst zuzuschreiben, dass wir heutzutage kontinuierliche Erschöpfung empfinden. Daraus ergibt sich zunächst die Frage danach, weshalb wir uns nicht mehr zu sehen im Stande sind. Die Antwort auf diese Frage, liefert uns einen ersten Anhaltspunkt für die Ursache fehlender Leichtigkeit im Leben.
Der Mangel an Selbstbeobachtung und der Drang nach Perfektion
Überall sprießen Coaching-Angebote, neue psychotherapeutische Praxen und Persönlichkeitsratgeber in audiovisueller Form wie Pilze aus dem Boden. Menschen befassen sich heute weitaus intensiver mit ihrem Wesen als in früheren Jahrhunderten. Trotz dieser Tatsache scheinen psychosomatische Erkrankungen zuzunehmen, Unzufriedenheit greift um sich und hinterlässt den Eindruck einer bleiernen Schwere.
Sicherlich sind die Ursachen individueller Natur und so liegt es mir fern, jene in komprimierter Form darzustellen. Im Wesentlichen entdeckte ich dennoch eine Gemeinsamkeit bei all den Unterschieden: den kontinuierlichen Mangel an Selbstbeobachtung verbunden mit dem stetigen Ausbau des Wunsches nach Perfektion in einem Alles in allem.
Wir leben in einer Welt des unerschöpflichen Konsums – auch auf mentaler Ebene. Sämtliches steht in jedem Augenblick zur Verfügung. Innere Überforderung ersticken wir durch ein Übermaß an Dingen – sei es ein zuckerhaltiges Produkt, das regelmäßige Shopping-Event oder eine App zum Zeitvertreib. Unstimmigkeiten und aufkommender Unruhe begegnen viele durch übermäßige Kontaktsuche, einen schnellen Chat, ein Telefonat mit Freunden.
Der fortwährende Konsum von Informationen und Produkten nimmt uns gleichsam die Fähigkeit zur Innenschau. Zu sehr beschäftigt sich das Gehirn mit oberflächlichen Themen, um das innere Chaos für einen Augenblick zu verdrängen. Und der anfängliche Erfolg gibt uns recht. Wohl ist es nicht von der Hand zu weisen: Eine gelegentliche Ablenkung verschafft eine kurze Ruhepause. Je häufiger und intensiver wir innere Krisen durch Ablenkung zu eliminieren versuchen, desto mehr hält uns das Konsumverhalten gefangen.
Mit der zunehmenden Selbstentfremdung gelingt es schlichtweg nicht mehr, unsere wahren Intentionen, den Kern inneren Schmerzes und die eigenen Bedürfnisse zu erspüren. Lediglich das Unterbewusstsein vermag sich daran zu erinnern. Hin und wieder will es uns Notiz nehmen lassen von unserem Seelenruf. Vergebens.
Statt hinzuhören, sich mit innerer Schwere zu befassen, wollen/sollen wir glänzen. Hochstehender Bildung, finanzieller Sicherheit, einem großen Freundeskreis und Ansehen jagen wir Zeit unseres Lebens blindlings hinterher…bloß nicht die Schwächen nach außen zeigen, immer den Schein der Perfektion wahren. Aus innerem Unglück heraus…bis wir unsere eigene Mitte nicht mehr wahrzunehmen im Stande sind.
Somit befassen wir uns in dieser Zeit zwar zunehmend mit der Innenschau, sensibilisieren uns jedoch häufig lediglich auf oberflächlicher Ebene, den Fokus auf die Aufrechterhaltung der Perfektion richtend. Viele suchen nach Anleitungen zur Bewältigung ihrer inneren Krisen. Eine Art Struktur, die das „richtige“ Vorgehen bei inneren Mängeln aufzeigt und den bedrückenden Missstand rasch beseitigt. Jene Struktur ist ihnen vertrauter als die intensive Beschäftigung mit sich selbst. Am Ende bleibt nichts als ein mit schweren Gegenständen bestückter Innenraum, der nur durch Phantasie die Leichtigkeit zu erhalten weiß. Voller Etwas und ohne Inhalt.
Leer.
Wie kann der Ausweg aus der Schwere gelingen und wie können wir Leichtigkeit finden?
Wenn wir nicht mit den Reizen geizen
Zugegeben. Die Überschrift hat auf den ersten Blick kaum etwas mit dem Inhalt gemein. Schließlich findet sie eher in einem anderen Kontext Anwendung und doch gibt es Schnittstellen. Permanent wirken äußere Reize auf uns ein – die eigenen Impulse im Inneren verblassen hingegen. Zu sehr sind wir mit der Bewältigung der auf uns einwirkenden Flut an Dingen, Themen und Informationen beschäftigt. Im Zuge der digitalen Vernetzung und der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten baut sich die Überreizung zunehmend aus. Überall blinkt es, ploppt etwas auf, erinnert uns ein Gerät an Aufgaben und begegnen uns Anforderungen und Erwartungen unserer Mitmenschen.
Wer Leichtigkeit finden will, sucht nach einer Begrenzung des Vorhandenen und einer Ausweitung des Ersehnten. Folglich wird lediglich die Beschneidung der äußeren Reize auf ein wohltuendes Maß zur Rückkehr zu einem Leben mit entstaubtem Seelenkern führen. Die erste Aufgabe besteht somit in der Einrichtung einer reizarmen Zeit und Zone. Einst durfte ich schmerzlich erfahren, wie schwer sich das im Alltag gestaltet. Greift der Geist doch rasch im Inneren nach einer kurzen Ablenkung, um den Augenblick nicht mit äußerer Stille und bedrückenden Gedanken verbringen zu müssen.
Mit der Zeit wächst die Zeit selbst und mit den Reizen die Notwendigkeit, Stille fassen und lebbar machen zu können.
Sitzen. Schweigen.
Mit offenen oder geschlossenen Augen.
Lediglich eine Stunde, bald zwei, dann ein Tag, ein Wochenende. Regelmäßiges Schweigen.
Keine Geräte, keine Information, kein Austausch.
Stille. Schweigen. Wohltuend. Geborgenheit hinterlassend. Frieden stiftend.
Einkehr im Inneren. Raumvergrößerung im Seelenbereich.
Körperlich entspannend, geistig beruhigend.
Und so gelangen wir zum Thema „Mit den Reizen geizen“, denn neben den äußeren Reizen sind es die eigenen Reize, die uns zu überfluten drohen. Sobald wir uns darstellen, produzieren, ins strahlende Licht rücken, gefallen wollen, gefallen wir uns im Inneren nicht. Wir versuchen uns zu verherrlichen, eine gewünschte Realität aufzuzeigen, vorzugaukeln, unechte Reize zu schaffen.
Unwahr. Unecht. Schmerzend.
Der Einsatz der eigenen Reize im Sinne der Menschwerdung bringt erfreulichere Ergebnisse hervor. Deutlicher ausgedrückt: Wer sich seiner Fähigkeiten bewusst ist, steht nicht in der Pflicht, perfekt sein zu müssen.
Das Flämmchen im Inneren nähren
Die Loslösung von äußeren Verpflichtungen, selbst-auferlegten sowie allzu optimistischen Fremdzielen im Sinne der Perfektion, die Distanz zu toxischen Stunden und einem Übermaß an fremden Reizen weiß ein kleines Flämmchen zu erhalten. Und mit jeder Sekunde des inneren Ausgleichs tritt ein weiteres Leuchten hinzu. Geborgenheit im Inneren und eben dieses Licht, welches in den zuvor staubig-dunklen Raum eine sanfte Heimeligkeit zaubert. Was einst im Verborgenen blieb, tritt in all seiner Schrecklichkeit und Herrlichkeit hervor. Zahllose Pakete türmen sich dort auf. In jedem finden wir die Geister der Erinnerungen. Manche tragen Schwere in sich. In anderen werden wir Leichtigkeit finden.
Jetzt sehen wir, was eigentlich in der Ewigkeit der Dunkelheit verschwinden sollte. Und nun ist es weiter an dem, dass wir jedes Paket als ein Geschenk des Lebens betrachten dürfen.
Weiterhin in Stille.
Schweigend.
In Ruhe. Lernend.
Friedlich.
Ohne Kummer, angstfrei und frei von Schrecken.
Ein kurzer Schmerz weiß zu erinnern und lädt zum Auffinden der Balance ein. Innehalten! Erleben! Empfinden! Nicht gehen, sich ablenken oder das Paket erneut verschließen. Anschauen! Hineinschauen! Sich in die Tiefen wagen. Dort ist nichts als Erinnerung. Haben wir sie angeschaut, so verbleibt sie uns als Teil des Lebens und nicht als ewiges Geheimnis in jenem Paket zurück.
Jetzt verfliegt der Staub und frische Luft durchströmt den Raum. Ein Raum, den wir Kraft unseres inneren Flämmchens in eine bunte Farbenpracht kleiden. Wohl kaum brauchen wir noch die Ablenkung von den Erinnerungen, denn diese sind uns fortan vertraut. Sofern nicht, wissen wir sie näher zu betrachten – vielleicht allein, vielleicht mit Freunden, vielleicht mit einer Unterstützung.
Und wie leicht uns nun der Augenblick zum nächsten hin in eine Zukunft geleitet. Eine Zukunft in Ungewissheit, der die innere Leichtigkeit gewiss ist. Womöglich verlieren wir sie dennoch von Zeit zu Zeit: die Leichtigkeit! Vielleicht begeben wir uns zu einem anderen Zeitpunkt erneut auf altbekannte Pfade – taumeln durch den Strudel der Fülle äußerer Reize. Unterliegen wiederholt der Versuchung, das innere Flämmchen nicht weiter zu nähren, Probleme und schmerzhafte Lebensereignisse verstauben und verstummen zu lassen. Bis sie sich eines Tages jenes Gehör verschaffen, welches ihnen gebührt. Und ebenso gebührend werden wir uns ihnen widmen – weil wir uns erinnern. Erinnern! Erinnern an ein Ich, welches wir einst entdecken durften und ebenso daran, wie wunderbar es sich anfühlt, diesem Ich zu begegnen. Und weil wir unser Bewusstsein daran erinnerten, wer wir waren, wer wir sind und wer wir sein wollen.
